Symptome
sind immer ernst zu nehmende Hilfeschreie des gesamten inneren Systems. Sie
sind quasi die letzten Ausrufezeichen, die vehement darauf hinweisen, dass
irgendetwas so ganz und gar nicht in Ordnung ist, und dass ein anderes
Kommunikationsmittel der Seele zurzeit nicht mehr zur Verfügung steht.
156. Augenblicke
Wenn ich mich
befreien kann
von den Sorgen und
Nöten
einer ungewissen
Zukunft
Wenn ich aufhöre
denkend in allen
Eventualitäten des
Kommenden zu kreiseln
Unwägbarkeiten nicht
mehr in Stein meißle
Wenn ich
Vergangenheit sein lasse
zweifelndes
Misstrauen in Quarantäne schicke
mich ganz und gar
dem Jetzigen zuwende
Dann schärfen sich
alle Sinne und mein Herz
atmet Hoffnung im
Sekundentakt
Für einen Augenblick
155. Hoffnung
Woher nimmst du
Hoffnung
in solch
hoffnungslosen Zeiten?
Ich schöpfe sie aus
den kleinen Dingen,
aus jeder
freundlichen Geste,
aus jedem unverhofft
geschenktem Lächeln,
aus jeder
überraschend dar gereichten Hand.
Das Reservoir ist
überschaubar,
der Überlauf kaum
genutzt,
doch die Quelle
scheint unerschöpflich.
Immer noch.
154. Folgekosten
Wer durch die Gier nach Macht und Reichtum Fluchtursachen
schafft, sollte auch für die Folgekosten aufkommen.
153. Bindungen
Bindung
und Loslassen - ein untrennbares Paar. Das eine, Loslassen, geht ohne eine
sichere und stabile Bindung nicht. Das andere, Bindung, wird schräg, wenn aus
dem Wir nicht mit der Zeit ein klar unterscheidbares Du und Ich (Loslassen)
wird.
152. Zumutungen
Solange wir als
Menschen dem Menschen zumuten elendig zu verrecken, halte ich es für zumindest
ebenso zumutbar, sich die Ergebnisse dieser Zumutungen zuzumuten.
Vielleicht kommt
nach dem Kotzen endlich der Zorn.
151. Kitsch
Manchmal
braucht es Banales und Kitsch, weil nur diese dann den Schmerz bis auf den
Grund begleiten können.
150. Gemeinsam gehen?
Im Dagegen könnten
wir uns treffen,
doch im Dafür
entscheidet sich,
ob wir den Weg
gemeinsam gehen.
149. Schulbildung
Schulbildung
sagt aus: Du hast es geschafft fast jeden Morgen regelmäßig aufzustehen und die
Hälfte des Tages an einem Ort zu verbringen, denn du eigentlich nicht magst,
mit Menschen zusammen zu sein, die du eigentlich nicht leiden kannst und dich
einer Autorität zu beugen, die du eigentlich nicht akzeptierst. Und das ohne
gänzlich verrückt zu werden. Das, was das Leben schön und wunderbar und dich zu
einem liebenswerten und einmaligen Menschen macht, hast du trotzdem gelernt.
Das zeichnet dich aus und dafür gibt es keine Note.
148. Ermutigung
Der
Mensch ist das einzige Tier, das beim Töten
Unrecht und Scham empfinden könnte.
Darauf sollten wir
unsere Hoffnung bauen.
147. Vorkommen
„Was denken die
Reichen und Mächtigen wohl über jemanden wie dich?“
„Gar nichts. Ich
komme in deren Gleichungen überhaupt nicht mehr vor.“
146. Sichtbar
Zuwanderung schafft
keine neuen gesellschaftlichen Defizite,
sie macht die schon
lange vorhandenen nur sichtbarer.
145. Wahlfreiheit
Man
muss nicht in Hass, Gewalt oder gar in geistige Verblödung verfallen, nur weil
das Leben ab und an kein Ponyhof ist. Die Entscheidung, welche Prioritäten man
in seinem Leben setzt, ist immer noch die eigene. Diese Wahl hat jeder Mensch.
143. Deine Verantwortung
So
etwa: Ich kann verstehen, warum du so bist, wie du bist. Aber das entschuldigt
nicht dein Tun. Es gibt so viele Menschen, die unter genau den gleichen
beschissenen Umständen wie du groß geworden sind und sie sind trotzdem offen,
freundlich, liebevoll, selbst denkend und mitfühlend. Kein Ablasshandel also.
Deine Entscheidungen. Deine Verantwortung. Aus dieser Kiste kommst du nicht
raus.
142. Meine Themen
„Gewalt, Rassismus,
Erziehung? Frau Müller, könnten Sie bei Ihren Themen bleiben!“
„Aber, das! sind
meine Themen. Gerade als Therapeutin.“
141. Wen interessiert es
"Auf deutsch: Wir gehen denen doch am Arsch
vorbei."
"Denen?"
"Denen, die noch an unserem elendigen Verrecken ihr
Maximum an Profit rausschinden. Denen, genau denen."
140. Alles schon gesagt
Und allereigentlich
ist eh schon alles Wesentliche vor Abertausenden von Jahren in Höhlen an die
Wände gekratzt und in Stein gemeißelt worden: Jagen, essen, kämpfen, lieben,
fortpflanzen und dafür kreative Beschreibungs- und Ausdrucksformen finden
(Kunst/Philosophie/Mathematik) - fertig. Ich finde das
beruhigend und entlastend.
139. Hass und Verzweiflung
Wenn
du nichts mehr zu verlieren hast, wenn alle Hoffnung dir genommen wurde, dann
bleibt nur blanke gärende Wunde. Hier wird dem zukünftigen Hass, geboren aus
abgrundtiefer Verzweiflung, ein fruchtbarer Boden bereitet. Es wird uns um die
Ohren fliegen. Zu Recht. Völlig zu Recht.
138. Kuschelig
Ich
bin nicht mit einer seltsam sehnsüchtigen, kuscheligen Spontaneität gesegnet.
Das macht es auch nicht einfacher.
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